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Bericht über die DGSP-Fortbildung 30.09./01.10. 2011 in Hannover „Recovery“

Die Referenten waren Hans-Jügen Nötzel, Psychotherapeut und Diplom-Pädagoge, und der psychiatrieerfahrene Referent und Ex-In Absolvent Rolf Scheffel, der aber an den beiden Tagen wegen einer psychischer Krise fehlte.8 Teilnehmer nahmen teil, davon 3 Psychiatrieerfahrene, der Rest bestand aus Professionellen aus unterschiedlichen psychiatrischen Bereichen.

Zunächst wurden die Erwartungen der Teilnehmer an den Kurs gesammelt und dann hat der Referent in einem Vortrag erzählt, dass die Recovery-Bewegung in den USA, hervorgehend aus der Schwarzen-Bewegung, ihren Ursprung hat. Bei der Recovery-Bewegung handelt es sich um einen Zusammenschluß verschiedener Gruppierungen von Menschen, die als chronisch psychisch krank gesehen werden. Nach Meinung dieser Menschen ist der Ansatz der Chronifizierung jedoch falsch – wie sonst kann es heute vielen, denen es mal richtig schlecht ging, heute so gut gehen ?

Recovery bedeutet, dass etwas, was in Schutt und Asche war, wiederaufgebaut wurde. Daher die wörtliche Übersetzung „wiederherstellen“. Dies bedeutet nicht zwangsläufig Symptomfreiheit, sondern der Erwerb von Lebensqualität und die Verantwortung für eigene Entscheidungen übernehmen. Zum Recovery-Konzept gehört die Resilienzforschung ebenso wie ein Salutogeneskonzept. Die Unterscheidung zwischen „gesund“ und „krank“ wird nicht mehr getroffen. Auch die Selbsthilfe ist ein zentrales Element. Und gehört zu einem selbstverständlichen Element eines jeden Behandlungsangebots.

Es gibt keine Unheilbarkeit. Ein Mentor ist für den Genesenden sinnvoll, da dieser der stellvertretende Hoffnungshalter sein soll, wenn für den Genesenden mal gar keine Hoffnung auf Besserung mehr besteht. Ziel ist ein erfülltes und glückliches Leben. Der Krankheit soll ein Sinn gegeben werden, indem die subjektiven Erfahrungen des Betroffenen gewürdigt werden und es versucht wird, diesen Erfahrungen im Zusammenhang der Erfahrungswelt des Betroffenen eine für ihn relevante Bedeutung zuzuordnen.

Es wurde dann ein Text verteilt und verschiedene Gruppen gebildet, die ihren jeweiligen Abschnitt sinngemäß für sich erarbeiten sollten. Wir hatten den Abschnitt „Heldenreise“ bekommen. Zunächst einmal gilt es für den Genesenden, ja zum Leben zu sagen. Erforderlich hierfür ist der Aufbau von Selbstakzeptanz, Selbstachtung und Selbstvertrauen. Man muss anfangen, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, Freundschaften zu schließen, persönliche Beziehungen aufzubauen. Dieses stellt einen Reifeprozess dar. Dadurch wird man seines Lebens Herr. Die Krise soll als Lern- und Entwicklungsphase begriffen werden, Trauer um ein nicht gelebtes Leben sollte zugelassen werden (keine Familie gegründet zu haben etc.). Risiken gehören zum Leben, das sollte man akzeptieren. Aus der passiven Patienten-Rolle, die Schutz und Sicherheit und Vertrautheit bietet, sollte herausgetreten werden. Sich einen Mentoren zu suchen ist notwendig. Diese Rolle kann ein Gesundheitsfachmann, ein Angehöriger oder guter Freund übernehmen. Der Mentor sollte ständig erreichbar und verfügbar sein und soll an die Fähigkeit des Erkrankten glauben, sich zu entwickeln und zu verändern. Und ihm die Erkenntnis ermöglichen, dass das Leben zu bewältigen ist. Und dass emotional überwältigende Erfahrungen die persönliche Entwicklung fördern können. Dieses alles ist Voraussetzung, sein Leben allein in den Griff zu bekommen. Gemeinsam trug unsere Arbeitsgruppe diesen Abschnitt vor. Dann gab es auch schon ein gemeinschaftliches Abendessen.

Am nächsten Tag hat die gesamte Gruppe ein Papier durchgearbeitet, in dem das Konzept des Recovery erklärt wird. Statt einer krankheitsorientierten Behandlung gilt eine integrative Perspektive von psychischer Gesundheit und Krankheit. Aus Sicht der Klinik soll sich Recovery auf die Besserung von Symptomen und Funktionen konzentrieren. Betroffenen- Modelle tendieren dagegen mehr zu netzwerkunterstützenden Hilfen, Empowerment und persönlicher Erfahrung. Zentrales Element ist der Einzug von ehemals und gegenwärtig Betroffenen, den sog. Peers, z. B. im Beschwerdewesen, in der Forschung, Fortbildung und Mitarbeit in Gremien sowie der Aufbau von Hilfsangeboten, die von Betroffenen betrieben werden. Die Peer-to-Peer Arbeit ist nicht weniger effektiv als die Tätigkeit von Profis. Jedoch ist eine Qualifizierung hierfür, wie in den Ex-In Projekten geboten, hierfür erforderlich. Recovery setzt sich schlussendlich gegen eine Unheilbarkeitsprognose und Negativismus in der Psychiatrie ein und ist für viele möglich.

Am Schluß wurden noch zwei Filme über 2 Recovery-Patienten, einer mit Schizophrenie, und eine Borderliner-Patientin, gezeigt. Diese leben ein erfülltes Leben, in der sie ihre Krankheit gut im Griff haben.

Es gab dann eine Abschlußrunde, in der die Teilnehmer Rückmeldung über den Kurs gaben. Dann erfolgte auch schon die Verabschiedung.

Das Hanns-Lillje-Haus inmitten von Hannovers Altstadt bietet eine hervorragende Verpflegung und moderne, kleine Zimmer. Wir tagten bei strahlendem Herbstwetter.

Der Referent hat den Kurs abwechslungsreich gestaltet, mit Inhalten nicht überfrachtet sowie mit ausreichenden Pausen versehen und der Kurs selbst liefert eine hervorragende Einführung in die Thematik für alle, die sich über eine Bewegung, die die herkömmliche Psychiatrie sinnvoll ergänzen will, näher informieren möchten. Die dialogische Besetzung des Kurses wurde von den Teilnehmern positiv bewertet.

 

Oldenburg, 16.10.2011 Sonja Schnurre