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Stellungnahme zum Tod von William Tonou-Mbobda
– Gemeinsam gegen das Zusammenwirken von Rassismus und psychiatrischer Gewalt vorgehen –

Am 21. April 2019 wurde der sich im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) als Psychiatrie-Patient befindliche William Tonou-Mbobda durch einen vom UKE als „Fixierung“ bezeichneten gewaltvollen Angriff von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes so schwer verletzt, dass er wiederbelebt und ins künstliche Koma gelegt werden musste. Er verstarb am 26. April.

Wir sind über diese Tat entsetzt und verurteilen die tötende Gewalt zu schärfst. Mit dieser Stellungnahme möchten wir den Angehörigen und Freund*innen unser tief empfundenes Beileid bekunden und viel Kraft wünschen. Vor allem aber wollen wir Türen öffnen und dazu aufrufen, gemeinsam gegen das Zusammenwirken von Rassismus und psychiatrischer Gewalt vorzugehen.

Laut dem Bericht der taz äußerte ein anonym bleibender Mitarbeiter des UKE, dass von Seiten der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes „Klinik Logistik & Engineering“ (KLE) häufiger rassistische Beleidigungen zu hören seien.(Quelle)

Die Black Community Hamburg schreibt in ihrem offenen Brief, solche Situationen fänden viel zu oft statt und spiegelten die rassistische und menschenverachtende Wahrnehmung gegenüber Schwarzen Menschen als angeblich
„aggressiv“, „gewalttätig“ und somit generell verdächtig wider.

Dabei handelt es sich gleichzeitig um eine psychiatrische Gewalt, die alle, auch weiße (Anmerkung: weiß schreibe ich hier klein und kursiv, um deutlich zu machen, dass hier die Personengruppe gemeint ist, die durch die rassistische Ordnung unserer Gesellschaft bevorteilt wird. Es bezeichnet nicht nur die Hautfarbe.) Menschen treffen kann. Die große Medienaufmerksamkeit und die Wirksamkeit des rassismuskritischen Aktivismus der Black Community in diesem Fall lassen so manche*n
Psychiatrie-Erfahrene*n wünschen, psychiatrische Gewalt und Diskriminierung aufgrund von psychiatrischen Diagnosen würden auch unabhängig von Rassismus stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Den Wunsch nach Aufmerksamkeit und Verbündung gegen psychiatrische Gewalt und Psychodiskriminierung teilen wir. Jedoch sind wir auch der Ansicht, dass es wichtig und weiterführend ist, Rassismus und Psychodiskriminierung (Anmerkung: Psychodiskriminierung wird hier im Sinne des im englischsprachigen Raums geläufigen Begriffs „sanism“ verwendet. Damit ist nicht nur die direkte psychiatrische Gewalt in psychiatrischen Einrichtungen gemeint, sondern auch weiterführende ideologische Vorstellungen über Normen von
emotionalen und sozialen Verhalten. Menschen, die diesen Normvorstellungen entsprechen, erleben Bevorteilungen (Privilegien), Menschen, die ihnen nicht entsprechen, erfahren Abwertung, Benachteiligung und Ausgrenzung.) gleichermaßen,
sowie ihr Zusammenwirken, zu kritisieren.

Das UKE schreibt in einer weiteren Stellungnahme über eine Woche nach dem Vorfall zu den Rassismus“vorwürfen“ lediglich: „Rassismus hat im UKE keinen Platz. Wir stehen im UKE konsequent für Toleranz und eine weltoffene Gesellschaft“.
Diese doppeldeutige Aussage führt zu zwei möglichen Lesarten. Es ließe sich annehmen (und hoffen), dass damit ausgedrückt werden soll, dass sich das UKE wünscht, dass Rassismus bei ihnen keinen Platz hätte. Ebenso lässt die Aussage aber die Interpretation zu, dass der existierende Rassismus geleugnet wird, denn das UKE stehe ja schließlich für das Gegenteil: ganz nach der bei Diskriminierung gebräuchlichen Strategie „Was nicht sein darf, ist auch nicht“.Wir aber fordern, bei Rassismus, ebenso wie bei Psychodiskriminierung, nicht wegzugucken, sondern genau zu prüfen, wie diskriminierende Gewalt miteinander verbunden ist, wie sie ausgeübt wird und wie sie unterbunden werden kann.

Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, historisch gewachsen und in Institutionen verankert. Er äußert sich meist in Unterscheidungen, die zum Ausschluss von einer „Wir“-Gruppe führen. Dabei werden körperlichen Merkmalen (bspw. der Hautfarbe) eine Bedeutung zugesprochen und auch kulturellen Unterscheidungen (z.B. bzgl. Sprache, Gewohnheiten, Religion) vorgenommen. Die als die „Anderen“ oder „Fremden“ wahrgenommenen Menschen werden abgewertet und ausgeschlossen und erfahren, wie leider auch William Tonou-Mbobda, häufiger Gewalt.

Ein Zusammenspiel von Rassismus und Psychodiskriminierung entsteht zum einen, wie im vorliegenden Fall, durch Rassismus in psychiatrischen Institutionen, aber auch dadurch, dass Diskriminierung auch Ursache für seelisches Leid und VerRücktheit ist (vgl. vgl. Meerai/Abdillah/Poole (2016): An Introduction to Anti-Black Sanism. In: Intersectionalities: AGlobal Journal of Social Work Analysis, Research, Polity, and Practice. Jg. 5, H. 3, S. 31).

Oft sind diskriminierende Vorstellungen auch sehr ähnlich, z.B., dass sowohl Schwarzen als auch Menschen mit psychiatrischen Diagnosen unterstellt wird, sie seien besonders gewalttätig. Leider finden trotz vieler Gemeinsamkeiten in den diskriminierenden Erfahrungen auch innerhalb der Psychiatrie-Erfahrenen-Gruppen rassistische Ausschlüsse statt. Nur, weil wir gegen psychiatrische Gewalt sind, heißt es nicht, dass wir uns auch gegen rassistische (oder sexistische Gewalt) einsetzen. Auch wenn wir selbst oft von den Reichtümern unserer Wohlstandsgesellschaft ausgeschlossen sind, passiert es, dass wir Menschen rassistisch abwerten und ausschließen, die wir als die „Fremden“ ansehen (vgl. Hall (2000): Rassismus als ideologischer Diskurs. In Räthzel (Hg.): Theorien über Rassismus.Argument Verlag : Hamburg. S. 7-16, hier S. 9-11)

Unser besonderes Ziel muss es deshalb sein, Rassismus in unseren eigenen Reihen zu reflektieren und Selbsthilfegruppen für Menschen, die Rassismuserfahrungen machen müssen, zu öffnen. Auch in der politischen Interessensvertretung von Psychiatrie-Erfahrenen müssen die Erfahrungen von Rassismusbetroffenen in der Psychiatrie berücksichtigt werden. Denn weil es Rassismus gibt, erleben Menschen Psychodiskriminierung unterschiedlich. Es muss um die Stärkung aller Menschen mit
Psychiatrie-Erfahrung gehen! Wünschenswert wäre auch eine Zusammenarbeit zwischen den politischen Interessensvertretungen.