Aktuell:


Was wir wollen

Die LPEN e. V. nimmt sich der Belange, Beschwerden und Forderungen von Psychiatrie-Erfahrenen in Niedersachsen an. Sie versteht sich als Interessenvertretung für psychisch gesundende Menschen in Niedersachsen. Wir suchen auch den Austausch untereinander, wollen uns besser „vernetzen“ und Beratung und Hilfe bieten.

Psychiatrie-Erfahrene wollen eine andere Psychiatrie:

  • wo man uns nicht zwangsbehandelt
  • wo man uns nicht zwangsmedikamentiert
  • wo wir nicht gesellschaftlich in die Isolierung geraten
  • wo wir nicht finanziell verwahrlosen
  • wo wir beruflich nicht ins Abseits geschickt werden

denn wir wollen...

  • ärztliche Behandlungen mit Aufklärung und Berücksichtigung des Patientenwillens
  • die Förderung der persönlichen Eigenständigkeit der Betroffenen
  • die strikte Einhaltung des Datenschutzes für Psychiatrie-Patienten
  • alternative Behandlungsmethoden, wie z.B. Soteria, Weglaufhäuser, nutzerkontrollierte Einrichtungen, berufliches Coaching
  • ambulante Gesprächstherapien
  • mehr öffentliche Förderung von Selbsthilfe und Empowerment
  • flächendeckende Anerkennung von Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen in Kliniken
  • die verpflichtende Teilnahme an Psychose-Seminaren / Trialog als Teil der Ausbildung für alle angehenden Psychiatrie-Mitarbeiter
  • keine Privatisierung staatlicher psychiatrischer Einrichtungen
  • eine/n anerkannten Psychiatrie- Patienten beauftragte/n für Niedersachsen
  • geeignete Arbeitsplätze auf dem ersten, zweiten und dritten Arbeitsmarkt, um den Lebensunterhalt selbst zu verdienen

.. mehr Menschlichkeit!!!

Dies alles ist aber nur möglich,wenn sich in unserer Gesellschaft insgesamt etwas ändert!

Es liegt auch an uns!

Unsere Aktivitäten:

  • Wir bieten Beratung, Unterstützung, Hilfe.
  • Wir gestalten Selbsthilfetage und Sprecherkreis-Treffen an unterschiedlichen Orten in Niedersachsen.
  • Durch unsere Öffentlichkeits- und Pressearbeit informieren wir.
  • Wir geben unsere Zeitung „LPEN-Nachrichten“ heraus.
  • Wir mischen uns ein: Landes- und Bundesgesetzgebung, u.a.m
  • Wir vertreten die Interessen Psychiatrieerfahrener in Landesgremien, Besuchskommissionen und beim Landespsychiatrieplan
  • Wir arbeiten in kommunalen Gremien mit,ebenso bei Fortbildungen und Tagungen.
  • Wir suchen den Kontakt zu anderen Psychiatrie- Erfahrenen.

Denn nur gemeinsam sind wir stark!


Förderer

   

 

 

Informationen zum aktuellen gesetzlichen Verordnungsstand der Selbsthilfe-Versorgung sind unter

www.selbsthilfe-buero.de

online abrufbar. Dort befinden sich auch gute hilfreiche Tipps zur Durchführung von Selbsthilfe in Corona-Zeiten verfügbar.

Weitere Informationen zum Thema "Selbsthilfe und Corona"


Stand: 8 Juni 2020:

Einerseits bleiben Kultureinrichtungen weiterhin geschlossen, andererseits gibt es Ausnahmen; dazu ganz am Ende von § 3, 20 die Selbsthilfe.

...

(3) Für den Publikumsverkehr und Besuche sind geschlossen:

.. 

  1. Theater, Opern, Konzerthäuser, Kulturzentren und ähnliche Einrichtungen, unabhängig von der jeweiligen Trägerschaft und den Eigentumsverhältnissen

Ausdrücklich zulässige Verhaltensweisen 

(1) Unter den Voraussetzungen des § 2 zulässig sind insbesondere die nachfolgend genannten Verhaltensweisen:

.....

(20). der Besuch und die Inanspruchnahme von Sozialen Hilfen, Beratungsangeboten und Diensten der Kinder- und Jugendhilfe, der Besuch und die Inanspruchnahme von sozialen, pädagogischen oder psychologischen Beratungsstellen, wie zum Beispiel die Seniorenberatung, Pflegeberatung, Familienberatung, Erziehungsberatung, Migrationsberatung, Gewaltberatung, Lebensberatung, Wohnungslosen- und Obdachlosenberatung, Drogenberatung, Suchtberatung, Anerkennungsberatung, Selbsthilfe.

Link zum Original-Dokument

Gerichtsurteil Celle
17 W 37/05
5 T 119/05 Landgericht H.
72 XVII F 447 Amtsgericht H.

Beschluss

In der Betreuungssache betreffend

X. Y., geb. am xx August 1974, xxxx Straße 1, xxxx H.,

- Betroffener und Führer der weit.sof. Beschwerde -

Verfahrensbevollmächtigte:
Rechtsanwälte S-R,
und H.-J, xxxx Straße xx, xxxx H.,

Beteiligte:

  1. U. M.-W., xxxx Straße xxx, xxxx H.,
    - Verfahrenspflegerin des Betroffenen -

  2. S. J., xxx Straße xx, xxxx H.,
    - Betreuerin des Betroffenen -

  3. Landeskrankenhaus H., xxxx Straße xx, xxxx H.,

wegen Genehmigung einer Zwangsmedikation

hat der 17. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Celle durch den Vorsitzenden Richter am Oberlandesgericht B., die Richterin am Oberlandesgericht M.-V. und den Richter am Oberlandesgericht D. auf die weitere sofortige Beschwerde des Betroffenen vom 12. April 2004 gegen den Beschluss des Landgerichts H. vom 24. März 2005 am 10. August 2005 beschlossen:

1. Der angefochtenen Beschluss der 5. Zivilkammer des Landgerichts H. vom 24. März 2005 wird aufgehoben. Die Sache wird zur erneuten Entscheidung über die sofortige weitere Beschwerde des Betroffenen an das Landgericht zurückverwiesen, das auch über die Kosten der sofortigen weiteren Beschwerde zu entscheiden hat. Gerichtsgebühren werden für dieses Verfahren nicht erhoben.

2. Wert: 5.000 €

Gründe :

I.
Für den Betroffenen besteht eine Betreuung. Im Rahmen seiner Patientenverfügung vom 22. Juli 2004 äußerte der Betroffene den Wunsch, dass eine Behandlung mit einem Psychopharmakon - soweit überhaupt erforderlich - ausschließlich mit einem bestimmten Medikament (Seroquel, BI.137 d.A.) erfolgen solle. Im Rahmen einer weiteren Verfügung vom 4. Oktober 2004 (BI.153 ff. d.A.) erklärte der Betroffene sodann, dass er nie wieder überhaupt mit Neuroleptika behandelt werden möchte.

Am 4. März 2005 beantragte der Betreuer des damals mit gerichtlicher Genehmigung (BI.129 d.A.) bereits auf einer geschlossenen Station des Landeskrankenhaus H. untergebrachten Betroffenen die gerichtliche Genehmigung einer zwangsweisen Behandlung des Betroffenen durch das Neuroleptikum Zeldox (Blatt 161). Das Amtsgericht hat den Betroffenen am 8. März 2005 zu diesem Antrag angehört (BI.166 d.A.). Der Betroffene hat im Rahmen eines ausführlichen Anhörungsgesprächs erklärt, jede Behandlung im Niedersächsischen Landeskrankenhaus H. abzulehnen. Die Patientenverfügungen waren u.a. Gegenstand der Anhörung. Am 22. März 2005 wurde der Betroffene erneut durch das Amtsgericht H. angehört (BI.180 d.A.). Aus dem Anhörungsprotokoll ergibt sich, dass er bis dahin nicht mit Neuroleptika behandelt, aus ärztlicher Sicht jedoch weiterhin dringend behandlungsbedürftig angesehen wurde. Eine Entlassung sei nicht vertretbar, da damit gerechnet werden müsse, dass der Patient sich gefährde und sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtere.

Das Amtsgericht hat darauf hin sogleich im Rahmen der Anhörung am 22. März 2005 die Einwilligung der Betreuerin in die zwangsweise medikamentöse Behandlung vormundschaftsgerichtlich genehmigt (BI.181 d.A.). Die unmittelbar im Anschluss daran eingelegte Beschwerde des Betroffenen (BI.181 d.A.) hat das Landgericht H. in seinem Beschluss vom 24. März 2005 (BI.191 d.A.) zurückgewiesen. Zur Begründung hat es ausgeführt, dass die behandelnden Ärzte auch bei der persönlichen Anhörung des Betroffenen durch die Kammer am 24. März 2005 (BI.185 d.A.) überzeugend dargelegt hätten, dass der Betroffene diese unumgängliche Behandlung zwar weiterhin verweigere. Eine Besserung seines Krankheitsbildes sei jedoch nur bei Behandlung mit Neuroleptika denkbar. Ohne eine solche Behandlung, die wegen der persönlichen Einstellung des Betroffenen auch gegen seinen Willen vorgenommen werden müsse, sei keine Besserung seines schweren Krankheitsbildes möglich. Gegen diese Entscheidung wendet sich der Betroffene mit seiner weiteren Beschwerde vom 12. April 2005 (BI.251 d.A.). Die Genehmigung ignoriere die vorliegende Patientenverfügung, es bestehe auch keine Rechtsgrundlage für eine solche Genehmigung. Im Laufe des Monats April 2005 ist der Betroffene entlassen worden, so dass er nunmehr die Feststellung der Rechtswidrigkeit der Zwangsbehandlung geltend macht.

II.
Die weitere Beschwerde des Betroffenen ist nach den §§ 20, 27, 29 FGG statthaft und formgerecht eingelegt. Die weitere Beschwerde führt auch insoweit zum Erfolg, als die angefochtene Entscheidung des Landgerichts H. zunächst aufzuheben und das Verfahren insoweit an das Landgericht zurückzuverweisen ist. Der Senat hat die angefochtene Entscheidung nur darauf zu überprüfen, ob die gesetzlichen Vorschriften zutreffend angewendet worden sind (§ 27 Abs. 1 Satz 1 FGG). Das ist vorliegend nicht der Fall. Im einzelnen gilt folgendes:

a) Entgegen der den Beschlüssen stillschweigend zugrunde liegenden Auffassungen des Amtsgerichts und Landgerichts H. ist eine Zwangsbehandlung auf betreuungsrechtlicher Grundlage rechtlich nicht zulässig und daher nicht genehmigungsfähig.

Der Senat folgt insoweit der Auffassung, nach der in Anlehnung an die Entscheidung des Bundesgerichtshofs zur ambulanten Zwangsbehandlung (FamRZ 2001,149) auch die stationäre Zwangsbehandlung auf der Grundlage des Betreuungsrechts infolge des Fehlens einer ausreichenden Rechtsgrundlage als rechtlich nicht zulässig angesehen wird (OLG Thüringen, R&P 2003, 29; Marschner, Zwangsbehandlung in der ambulanten und stationären Psychiatrie, R&P 2005, S.47ff. mit weit. Hinweisen). Die Gegenposition (OLG Schleswig, FamRZ 2002, 984; OLG Düsseldorf, Az. l -25 WX 73/03; OLG München, OLGR 2005, 394; Roth in Erman, 11.Aufl. Rdnr. 29; Dam-rau/Zimmermann, Betreuungsrecht S.Aufl., § 1904, Rdnr.16;) geht von einer grundsätzlichen Zulässigkeit der betreuungsrechtlichen Zwangsmedikation aus und sieht dabei die Regelungen des § 1906 Abs.1 Nr.2 bzw. des § 1906 Abs.4 BGB als ausreichende Rechtsgrundlage an. Kriterium für die Zulässigkeit der Zwangsbehandlung sei deren Verhältnismäßigkeit angesichts der ansonsten drohenden gewichtigen Gesundheitsschäden. Dabei wird teilweise die Verhältnismäßigkeit auf die Fälle lebensnotwendiger Behandlungen beschränkt (Hoffmann/Klie, Freiheitsentziehende Maßnahmen, S.44).

In seiner Entscheidung vom 11. Oktober 2000 verlangt der Bundesgerichtshof (a.a.O, S. 152) unter Hinweis auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts für jede Zwangshandlung gegen den Widerstand des Betreuten eine ausdrückliche Rechtsgrundlage durch ein formelles Gesetz. Soweit dieses formelle Gesetz teilweise in der Regelung des § 1906 Abs.1 Nr.2 bzw. 1906 Abs.4 BGB gesehen wird, überzeugt diese Auffassung nicht. Der sprachlich eindeutige Gesetzestext enthält nur die Befugnis zur Unterbringung bzw. unterbringungsähnlichen Maßnahmen nicht jedoch auch die Befugnis zur - gemessen an der Eingriffintensität - deutlich schwerwiegenderen Zwangsbehandlung. Zwar hätte es durchaus eine innere Logik, dass derjenige der zu Behandlungszwecken gemäß § 1906 Abs.1 Nr.2 BGB geschlossen untergebracht wird, dort-auch gegen seinen Willen behandelt werden darf. Dieser Logik ist der Gesetzgeber des Betreuungsgesetzes jedoch ausdrücklich nicht gefolgt und hat von der gesetzlichen Regelung der Zwangsbehandlung ausdrücklich abgesehen (BT-Drs.11/4528, S.72). Dementsprechend hat der Gesetzgeber auch die Zwangsbefugnisse für den Betreuer geregelt und in § 70g Abs.5 FGG die Befugnis zur Gewaltanwendung nur für die Zuführung zur Unterbringung nicht jedoch auch zur Durchsetzung einer Behandlung vorgesehen. Vor diesem Hintergrund ist dem OLG Thüringen darin zuzustimmen, dass die Regelung des § 1906 BGB nicht als hinreichende formelle Rechtsgrundlage für eine Zwangsbehandlung angesehen werden kann (R&P 2003,29). Da vorliegend einen andere Rechtsgrundlage für die Zwangsbehandlung (z.B. § 21 Abs.3 NPsychKG) nicht ersichtlich ist, ist die Rechtswidrigkeit der Zwangsbehandlung des Betroffenen festzustellen.

b) Die vorstehende Rechtsfrage kann jedoch letztlich dahinstehen und somit eine Vorlage nach § 28 Abs.2 FGG an den Bundesgerichtshof unterbleiben, da die Entscheidung des Landgerichts H. auch unter Zugrundelegung der Gegenauffassung (der grundsätzlichen Zulässigkeit einer betreuungsrechtlichen Zwangsbehandlung) aus anderen Gründen rechtsfehlerhaft ist. Die Entscheidung des Landgerichts ist nämlich unter Verstoß gegen den geltenden Amtsermittlungsgrundsatz zustande gekommen. Nach § 12 FGG ist das Gericht auch im Beschwerdeverfahren (vgl. Keidel/Kuntze/Winkler, 15. Aufl., § 12 Rdnr.63) von Amts wegen verpflichtet, die zur Feststellung der Tatsachen erforderlichen Ermittlungen selbst durchzuführen. Dieser Grundsatz gilt gemäß §§ 70 Abs.3, 69g Abs.5 FGG auch im Unterbringungsverfahren. Der weiteren Beschwerde ist darin zuzustimmen, dass schon der technische Ablauf einer medikamentösen Zwangsbehandlung (Festhalten bzw. Festschnallen des Patienten durch eine Übermacht von Pflegekräften und Verabreichung einer Spritze mit Medikamenten, die teilweise mit erheblichen, ihrerseits behandlungsbedürftigen Nebenwirkungen verbunden sind) überdeutlich macht, dass diese mit erheblichen Grundrechtseingriffe verbunden ist. Alle Vertreter der grundsätzlichen Zulässigkeit einer betreuungsrechtlichen Zwangsbehandlung setzen daher für die Genehmigung einer solchen Maßnahme stets eine strenge Verhältnismäßigkeitsprüfung voraus (z.B. OLG Schleswig FamRZ 2002,985). Ohne einen umfassend aufgeklärten und festgestellten Sachtverhalt ist eine solche Verhältnismäßig-keitsprüfung jedoch nicht möglich. Ein so hinreichend ermittelter Sachverhalt lässt sich jedoch weder aus den vom Amts- und Landgericht getroffenen Feststellungen noch aus dem sonstigen Akteninhalt entnehmen.

Aus den vom Gericht getroffenen Feststellungen sowie aus den Akten lässt sich z.B. nicht feststellen, wie schwer das konkrete Krankheitsbild zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme und zum Zeitpunkt der zu treffenden Entscheidung war und welche, wie nachhaltige Besserung zu erwartet werden konnte. Aus dem Anhörungsprotokolls ergibt sich lediglich die ärztliche Feststellung, dass der Patient weiterhin dringend behandlungsbedürftig und seine Entlassung nicht vertretbar sei, weil (dann) seine Gefährdung nicht auszuschließen sei. Weder ist ein genauer Grund der akuten Gefährdung erkennbar noch wird deutlich, was konkret bei einer Entlassung für den Betroffenen zu befürchten gewesen wäre. Ungeklärt ist zudem die Frage geblieben, ob dem Betroffenen bei Fortdauer der Unterbringung in dem geschützten Rahmen des Landeskrankenhauses ohne medikamentöse Zwangsbehandlung gewichtige Gesundheitsschäden gedroht hätten. So lässt sich z.B. aus den Akten nicht entnehmen, ob der Betroffene auch in der Klinik weiterhin, die Aufnahme von Essen und Trinken verweigert hat. Die Formulierungen in den Protokollen deuten eher darauf hin, dass insoweit wohl eine - in ihren Ausmaßen allerdings völlig unklare - Besserung eingetreten ist. Schließlich wäre für die gebotene Verhältnismäßigkeitsprüfung auch zu klären gewesen, mit welchen Nebenwirkungen bei dem beabsichtigten Neuroleptikum zu rechnen war. Dies gilt vorliegend schon deswegen im besonderen Maße, als der Betroffene bei Vorbehandlungen mit Neuroleptika unter erheblichen Nebenwirkungen gelitten hatte.

Zu Recht beanstandet die Beschwerde darüber hinaus, dass das Landgericht das Vorliegen einer wirksamen und damit auch zu beachtenden Patientenverfügung nicht in ausreichenderweise aufgeklärt habe. Maßstab für die vom Gericht ggf. zu genehmigende Entscheidung des Betreuers, einer Zwangsgenehmigung zuzustimmen, ist § 1901 BGB. Entscheidend ist danach der erklärte Wunsch des Betroffenen (1901 Abs.3 S.1 und 2 BGB). Im vorliegenden Fall somit ggf. die vorliegenden schriftlichen Verfügungen des Betroffenen. Deren Wirksamkeit und Reichweite hätte folglich aufgeklärt werden müssen. Das ist jedoch nicht geschehen. Das ärztliche Gutachten des Landeskrankenhauses H. (dort S.2, BI.170 d.A.) nimmt lediglich zu der (ersten) Patientenverfügung des Betroffenen vom 22. Juli 2004, nicht jedoch auch zu der späteren Verfügung vom 4. Oktober 2004 Stellung. Die ärztliche Stellungnahme im Rahmen der Anhörung des Betroffenen am 22. März 2005 (BI.180 d.A.) ist so unbestimmt und nur auf Teilbereiche der Verfügung vom 4. Oktober 2004 bezogen, dass sie in keiner Weise ausreicht, zureichende Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Verfügung vom 4. Oktober 2004 zu ziehen. Die Wirksamkeit der beiden - ggf. maßgeblichen - Verfügungen des Betroffenen ist somit völlig unklar geblieben.

c) Um der 5. Zivilkammer des Landgerichts H. die Gelegenheit zu geben, die weiteren notwendigen Ermittlungen nachzuholen und sodann auf ausreichender Tatsachengrundlage erneut zu entscheiden, ist die angefochtenen Entscheidung aufzuheben und das Verfahren zurückzuverweisen.

III.
Gerichtsgebühren werden nicht erhoben (§§ 128b, 131 KostO). Der Beschwerdewert bestimmt sich nach § 30 Abs.2 KostO.

B.
M.-V.
D.

(30.09.2005, RA Thomas Saschenbrecker, Rechtsexperte im Betreuungs- und Unterbringungsrecht) Das Urteil ist in zweifacher Hinsicht von weitreichender und für das Betreuungsrecht tragender Bedeutung: Zu einen wir eine zwangsweise Behandlung mit Neuroleptika und anderen Medikamenten im Rahmen einer stationären Unterbringung ausgeschlossen, wenn der erklärte Wille des Betroffene entgegensteht, womit insbesondere eine Unterbringung zum Zwecke der Heilbehandlung nur noch dann möglich sein wird, wenn der Betroffene generell in eine solche Therapie einwilligt.

Zum anderen wird die Privatautonomie eines Betroffene nochmals im Anschluss an die gesetzlichen Neuregelungen zum Betreuungsrecht erheblich gestärkt. Der so schon im Vorfeld vor einer anstehenden psychiatrischen Behandlung geäußerte Wille eines Betroffenen in einer Vorsorgevollmacht oder einer Patientenverfügung ist für die behandelnden Ärzte verbindlich und muss künftig auch in Gutachten zu Fragen des Betreuungsrechts, die vom Gericht in Auftrag gegeben werden, hinreichend berücksichtigt werden.

In Zukunft werden sich auch behandelnde Ärzte in psychiatrischen Anstalten genau damit auseinandersetzen zu haben, was auch der aufgrund eines Gerichtsbeschlusses untergebrachte Patient wünscht und ablehnt. Zwangsbehandlung ohne bzw. gegen den erklärten Willen eines Betroffenen dürften mit diesem Urteil abschließend ausgeschlossen sein.

Die häufig gerade im Betreuungsrecht kritisierte allumfassende Vernunftshoheit der Ärzte als "Richter in Weiß" gehört damit endgültig der Vergangenheit an und auch der "psychiatrische Patient" kann sich erfolgreich auf seine Grundrechte auf körperliche Unversehrtheit berufen. Verhaltensweisen der Ärzte gegen den erklärten Willen eines Patienten etwa durch Anwendung von Zwang zur Verabreichung von Medikamenten werden künftig ein Korrektiv dahingehend erfahren, dass sich behandelnden Ärzte in einem solchen Fall, wie sonst in der Medizin üblich, dem Verdacht eines strafbaren Handelns aussetzen.

Von gewisser Tragweite wird die Entscheidung auch hinsichtlich der künftigen Kostentragung stationärer psychiatrischer Behandlung sein. Voraussetzung für eine Kostenübernahme durch private und gesetzliche Krankenkassen als Kostenträger ist stets ein therapeutisch-pharmakologischer Ansatz bei der Behandlung einer Krankheit. Soweit ein Patient Therapien ablehnt, die nach ärztlichem Dafürhalten veranlasst wären, kommt eine Kostentragung nicht mehr in Frage.

Dann aber werden stationäre Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten gegen den Willen des Patienten ohne pharmakologische Therapie auf Dauer drastisch verkürzt, da zunehmend festzustellen sein wird, dass die Krankenkassen im Hinblick auf die ohnehin hohen Kosten im Gesundheitswesen und im besonderen auf dem psychiatrischen Bereich Zahlungen für Aufenthalte mit reinem Verwahrcharakter eines Patienten verweigern werden.

Allgemeine Forderungen:

  • Finanzierung und Unterstützung von Beratungsstellen von Betroffenen für Betroffene sowie eine Gesetzesinitiative zur Etablierung von hauptamtlichen, bezahlten und unabhängigen Patientenvertrauenspersonen für den stationären, ambulanten und komplementären Bereich (inkl. Heime, WfB, Forensik etc.)

  • Finanzielle und ideologische Unterstützung alternativer Projekte zur Psychiatrie (Weglaufhäuser etc.) sowie den Ausbau von Soterien oder soteriaähnlichen alternativen Abteilungen in psychiatrischen Kliniken.

  • Bereitstellung niederschwelliger Krisen- und Interventions-dienste mit Notfallbetten.

  • Einsetzung einer Heim-Enquete, um das Heim(un) wesen öffentlich auf dem Prüfstand zu stellen.

  • Empowerment statt Betreuung und Bevormundung. (Motto: Frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten.) Teilnahme statt Ausschluss bei wesentlichen politischen Diskussionen wie z.B. Ethik- und Forschungsgremien. Ständig freier Internetzugang in allen psychiatrischen Einrichtungen als zeitgemäße Form der Nutzer- und Qualitätskontrolle.

  • Einführung eines Suizidregisters, vor allem unter besonderer Berücksichtigung der zuvor verabreichten Psychopharmaka, Elektroschocks, Fixierungen und Isolierungen.

  • Psychiatrie-Erfahrene mit Kinder- und Jugendpsychiatrie-erfahrungen erhalten das Recht und die Unterstützung, auf Wunsch einen/ihren Jugendpsychiater konsultieren zu dürfen.

  • Schutz- und Rückzugsräume für Frauen als Standard für alle Psychiatrien, mit rein weiblichem Personal und frauenspezi-fischen Therapien. Frauenspezifische Gewalterfahrungen, wie z.B. sexualisierte Gewalt dürfen nicht negiert und tabuisiert werden; diese Frauen dürfen in der Klinik erst recht keiner erneuten Gewalterfahrung ausgesetzt sein. Der Psychophar-makaeinsatz darf nicht – wie die Regel – statistisch höher liegen als bei Männern.

  • Schluss mit der Ghettoisierung von Psychiatrie-Erfahrenen in gemeindespsychiatrischen Subkulturen (Heim, WfB, Tages-stätte, Selbsthilfegruppen),

  • Grundrecht auf ausreichenden Wohnraum mit und ohne Handicap. Schluß mit den Wartezeiten von 6 – 12 Monaten z.B. in den neuen Bundesländern beim betreuten Wohnen.

  • „Ambulant vor stationär“ auch für psychiatrische Patienten; sie sollen zwischen ambulant und stationär wählen dürfen und können.

  • Tarifliche Entlohnung in den Behindertenwerkstätten (keine Almosen)

  • Beteiligung an Betriebsratswahlen und Gewerkschaftsver-tretung

  • Weg mit den Scheinarbeitsverträgen

  • Echte berufliche Rehabilitation nach den Fähigkeiten des Einzelnen – statt Frühberentung Integration in den ersten Arbeitsmarkt

  • Zuverdienst und Teilzeitarbeit

  • Recht auf Hilfe und Unterstützung zur dauerhaften Stabili-sierung, die eine Weiterbehandlung erübrigt.

  • Belastungsabhängige, zeitlich begrenzte, finanzielle Unter-stützung als Präventivmaßnahme zur Vermeidung „sozialer Psychosen“ und damit einhergehender Psychiatriesierungen.

  • Unbürokratische Genehmigung von Kurmaßnahmen zur Unterstützung psychischer und physischer Stabilisierung bzw. zur Förderung positiven Streßmanagements.

5  Ergänzungen:

Wir kritisieren hartnäckig seit Jahren den ignoranten Umgang der PsychiaterInnen mit unseren 6 Forderungen zur stationären Psychiatrie. (Patiententelefone in Kabinen auf den Stationen, zugänglicher Münzkopierer, (Brief)papier und Briefmarken, BPE- Flugblattaushang auf den Stationen, täglicher Spaziergang, Teeküche auf jeder Station.)

Das bisherige Dokumentationssystem der Psychiatrien etc. berücksichtigt nur unzulänglich die Patientenrechte.

Ständig freier Internetzugang in allen psychiatrischen Einrichtungen als zeitgemäße Form der Nutzer- und Qualitätskontrolle und zur Aufrechterhaltung des Kontakts mit FreundInnen, der Familie, der SHG´s etc.

Wir fordern die rechtliche Absicherung von Vorausverfügungen sowie Schutz vor ambulanter Zwangsbehandlung und gewaltsamen Elektroschock. Die UN-Behindertenrechtskonvention sollte verbindlich eingehalten werden.

Wir fordern von den PolitikerInnen und den PsychiaterInnen, uns nicht länger von wesentlichen Diskussionen auszuschließen wie z.B. Ethik- und Forschungsgremien.

Forderungen zur Enthospitalisierung aus Heimen:

Auf der Sprecherkreissitzung der Landesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener Niedersachsen e.V., (LPEN) wurden am 12. April 2003 in Hannover nachfolgende „Forderungen zur Enthospitalisierung aus Heimen“ aufgestellt:

  • Wünsche der Betroffenen sind unbedingt zu respektieren.

  • Absenkung der Zahl der Heimplätze um mindestens 50 Prozent.

  • Jeder Kostenträger muß mindestens 50 Prozent der Kosten in den ambulanten Bereich investieren, mit den Schwerpunkten Bürgerhilfe und Selbsthilfe.

  • Bei Neuinvestitionen sollen alternative Projekte Vorrang haben: wie z.B. selbstverwaltete Wohngemeinschaften, selbstver-waltete Firmen und Weglaufhäuser.

  • Kein Neubau von Heimen, statt dessen Nutzung vorhandener Wohnmöglichkeiten.

  • Bereitstellung kommunaler Wohnungen für schwierige Bewohner.

  • Betreutes Wohnen darf nicht mit betreuten Psychopharmaka-einnahme einhergehen! Psychopharmakaeinnahme gehört nicht in Mietvertragsklauseln!)

  • Veröffentlichung der statistischen Erfassung der Heimplätze.

  • Freie Arztwahl für Heimbewohner.

  • Keine Schweigepflichtsentbindung als Voraussetzung der Aufnahme in Heime oder betreutes Wohnen.

  • Keine Einschränkung von Wahlmöglichkeiten durch die Sektorpsychiatrie; schlechte Einrichtungen sollen am Markt verlieren können.

  • Aufbau unabhängiger Beschwerdestellen unter Federführung der Psychiatrie-Erfahrenen.

  • Psychiatrie-Erfahrene sollen als MitarbeiterInnen beschäftigt werden.

Patientenvertrauensleute für Psychiatrie-Erfahrene:

Psychiatriebetroffene sind in Rechtsstaaten die einzigen Menschen, denen die Freiheit entzogen werden darf, ohne dass sie eine Straftat begangen haben, und die ohne Zustimmung behandelt werden dürfen. Diese Verletzung der Persönlichkeitsrechte erfordert einen Ausgleichsfaktor in Form einer unabhängigen, kompetenten und legitimierten Beschwerdeinstanz. Deshalb fordern wir eine einheitliche gesetzliche Verankerung mit dem Rechtsanspruch auf Vertretung durch Patientenvertrauenspersonen bzw. Patientenan-wältInnen. Das Gesetz muß umfassen:

  • Unabhängigkeit sowie Parteilichkeit (entscheidend ist die Sichtweise der Betroffenen)

  • hauptamtliche Tätigkeit (auch auf Teilzeitbasis)

  • Bindung an den Auftrag der Beschwerdeführer

  • gute Erreichbarkeit, aktive Kontaktaufnahme

  • Zuständigkeit für den stationären und ambulanten Bereich einschließlich der Gerichtspsychiatrie

  • Befugnisse und Sanktionsmöglichkeiten gegenüber den Institutionen

  • Recht und Pflicht zum Aufzeigen struktureller Mängel in Entscheidungsgremien (einschließlich Stimmrecht), Kooperation und Vernetzung mit Betroffenengruppen

  • Qualifikation und Qualifizierung der Patientenvertrauensleute bzw. PatientenanwältInnen

  • Beteiligung von Psychiatriebetroffenen bei der Wahl von Patientenvertrauenspersonen bzw. PatientenanwältInnen (mit Vetorecht)

  • Kontrolle der Patientenvertrauenspersonen bzw. Patientenan-wältInnen auch von seiten der Psychiatriebetroffenen (einschließlich Sanktionsmöglichkeiten).

Forderungen an die privaten Investoren der niedersächsischen LKH's:

  • In jeder Klinik sollte mindestens eine Soteria-Station vorhanden sein.

  • Nach Möglichkeit keine Mehrbettzimmer, (Einzelzimmer sind wegen der Wahrung der Privatsphäre des Patienten den Mehrbettzimmern vorzuziehen).

  • Die Patientenzimmer sollten grundsätzlich mit Dusche und WC ausgestattet sein.

  • Der Ausgang, insbesondere für Patienten mit Ausgangssperre und -beschränkungen, sollte für mindestens 1 Stunde täglich gewährleistet sein, z. B. im eingezäunten Bereich wie Garten, Innenhof oder Terrasse.

  • Einrichtung eines unabhängigen Patientenfürsprechers in allen LKH's, der für jeden Patienten zugänglich sein muss.

  • Die Möglichkeit einer Behandlungsvereinbarung für jeden Patienten in allen LKH's. Der Patient ist bei der Entlassung umfassend darüber zu informieren.

  • Informationsmaterial über Psychiatrie-Erfahrenen Selbsthilfegruppen und Behandlungsvereinbarungen sind auf allen Stationen auszulegen.

  • Mehr Gespräche und weniger Medikamente für den Patienten.

  • Eine offene Patientenküche.

  • Auf allen Stationen muss das Telefonieren grundsätzlich erlaubt sein (Telefonzelle oder Kabine zum ungestörten Telefonieren)

  • Gewaltminimierung im Sinne des Herner Psychiaters Matthias Krisor.

  • Jeder Patient sollte das Recht und die Möglichkeit zum Kopieren haben.

  • Empathische und gewaltfreie Gespräche sollten unbedingte Behandlungsgrundlage sein.

  • Verpflichtende Teilnahme an Psychoseseminaren/Trialog für alle Behandler.

  • Sinnvolle tagesstrukturierende Maßnahmen für alle Patienten

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